09.12.2024

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Labor Tempelhof

Warum Toiletten bei nachhaltigen Konzerten eine Hauptrolle spielen

Wenn über nachhaltige Großkonzerte gesprochen wird, fallen schnell Begriffe wie Ökostrom, Anreise per ÖPNV, veganes Catering oder Mehrwegbecher. Beim Labor Tempelhof auf dem Gelände des Flughafen Berlin-Tempelhof ging es allerdings um mehr. 2022 und 2024 wurde hier erprobt, wie Konzerte mit bis zu 60.000 Menschen im Sinne echter Kreislaufwirtschaft funktionieren und nicht nur „weniger schlecht für die Umwelt“, sondern positive ökologische Auswirkungen haben können.

sitzende und stehende Menschen auf einem Konzert, im Hintergrund eine große Bühne, auf deren Monitor "Zusammen laut für die Zukunft" steht.

Zusammen laut für die Zukunft. Das Labor Tempelhof 2024. ©Paul Gärtner

Ein Living Lab als Benchmark für die Konzertbranche

Initiiert wurde das einzigartige Reallabor von der Cradle to Cradle NGO (C2C NGO) gemeinsam mit Loft Concerts, KKT GmbH und Side by Side Eventsupport. Auf der Bühne standen Die Toten Hosen (2022) und Die Ärzte (2022 und 2024). Vor allem Loft Concerts und Die Ärzte behandeln Klimaschutz nicht als Trendthema, sondern treiben ihn aus echter Überzeugung voran.
Alle Maßnahmen wurden wissenschaftlich begleitet und im öffentlich zugänglichen Guidebook dokumentiert, transparent, mit Zahlen und offenen Baustellen. Genau das macht dieses Projekt so relevant für die gesamte Veranstaltungsbranche.

Nachhaltige Toiletten beim Konzert: vom Randthema zum Hebel

Die Thema Sanitär und Wasser waren beim Labor Tempelhof allgegenwärtig. Und ja, wir freuen uns sehr, dass diesem Thema so viel Raum gegeben wurde. Denn nachhaltige Toiletten sind für die Ökobilanz eines Events entscheidender, als viele denken.

2022 startete die erste Runde des Labors mit 150 Trockentoiletten von Finizio. 2024 wurde konsequent ausgebaut. Insgesamt standen 255 Finizio Toiletten auf dem Gelände. Im Publikumsbereich konnten wassergespülte Systeme vollständig ersetzt werden. Klassische Spültoiletten wurden nur dort eingesetzt, wo es aus Gründen der Barrierefreiheit oder im Backstagebereich notwendig war.

Das Ergebnis ist konkret messbar: Rund 23.000 Liter Feststoffe und 35 Kubikmeter Urin wurden getrennt erfasst. Daraus entstanden auf der Recyclinganlage in Eberswalde etwa 3.000 Liter NPK-Flüssigdünger und rund 24,5 Tonnen Humusdünger. Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff bleiben damit im Kreislauf, statt mit Trinkwasser verdünnt und entsorgt zu werden. Genau das ist Cradle to Cradle in der Praxis.

Mobile Trockentoiletten von Finizio in einer Reihe auf Asphalt, davor einige Menschen, die warten.

Die mobilen Trockentoiletten von Finizio: Der Gamechanger im Sanitärkonzept. ©Paul Gärtner

Eine Person, die sich an einem Outdoor-Wasserhanh die Hände wäscht.

Wasser ist zum Trinken da, nicht für die Klospülung. ©Paul Gärtner

100 Olympia-Becken Wasser eingespart

Das Thema Wasser geht natürlich über die Frage der Toilette hinaus. Unter Einbeziehung der Lieferketten wurden im Vergleich zu konventionellen Veranstaltungen rund 259 Millionen Liter Wasser eingespart (ca. 100 Olympiaschwimmbecken). Ein wesentlicher Anteil entfällt dabei auf das vegetarisch vegane Catering. Zusätzlich gab es sechs Trinkwasserstellen für Publikum und Produktion. Gleichzeitig macht das Guidebook deutlich, wo noch Potenzial liegt: Die Aufbereitung von Grauwasser aus Sanitär und Gastronomie ist ein nächster logischer Schritt, vor allem bei wiederkehrenden Veranstaltungen.

Was andere Veranstaltungen daraus lernen können
  1. Nachhaltige Toiletten für Konzerte müssen von Anfang an eingeplant werden. Skalierung braucht Zeit und klare Entscheidungen, denn die Verfügbarkeiten von z.B. Unisexurinalen kann begrenzt sein.
  2. Stoffströme sind Ressourcen, es kommt auf das Auffangen und die Aufbereitung an. Wer Urin und Feststoffe mit Trockentoiletten trennt, schafft die Grundlage für funktionierende Kreisläufe.
  3. Kommunikation ist entscheidend. Wenn Besucher:innen verstehen, warum Ökotoiletten eingesetzt werden, steigt die Akzeptanz deutlich.
  4. Nachhaltigkeit braucht Kooperation. Ohne das Zusammenspiel von Veranstaltern, NGOs, Technikpartnern und Bands ist ein Projekt dieser Größenordnung nicht realisierbar.
Die drei Mitglieder der Band "Die ÄRZTE" von hinten auf einer großen Bühne, im Hintergrund mehrere Tausend Zuschauende.

Die Ärzte beim Labor Tempelhof. ©Paul Gärtner

Zusammen kriegt man mehr geschissen

Unsere Zusammenarbeit mit der Cradle to Cradle NGO und Loft Concerts ist in den letzten Jahren immer fruchtbarer geworden und bestärkt uns in unserer Vision, Kreisläufe groß zu denken. Das Vertrauen, bei einem Projekt dieser Größenordnung einen großen Teil der Sanitärinfrastruktur zu verantworten, war alles andere als selbstverständlich. Es ging nicht um ein grünes Feigenblatt, sondern um eine systemrelevante Entscheidung. Dafür sind wir sehr dankbar.

Labor Tempelhof zeigt sehr klar, dass nachhaltige Konzerte bei der Infrastruktur beginnen. Bei Energie, bei Materialwahl und eben auch bei Toiletten. Nachhaltige Sanitärlösungen sind kein Add-on, sondern ein elementarer Baustein der Transformation. Dass wir damit auf dem richtigen Pfad sind, hat sich unter anderem auch an einem anderen Ort gezeigt: Sowohl das Labor Tempelhof als auch Finizio wurden für ihre Leistungen 2024 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Das vollständige Kapitel zu Sanitär und Wasser und alle weiteren Ergebnisse sind im Guidebook von Labor Tempelhof veröffentlicht. Für alle, die nachhaltige Events umsetzen wollen, bietet das Guidebook eine konkrete Arbeitsgrundlage – Prädikat äußerst wertvoll!

Unser Crewmitglied Kathi, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit

Autor*in

Katharina Müller

Kathi schwingt seit 2023 an Bord von Finizio die Tasten und kombiniert ihren agrarwissenschaftlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft fürs Schreiben. Für Finizio darf sie nach Herzenslust über die Themen Kompostierung, Technologieentwicklung, gesellschaftspolitische Tragweite der Sanitär- und Nährstoffwende und Fragen nach gerechtem Zugang zu und Gestaltung von Sanitärinfrastruktur berichten.